Wenn wir einen Draw wie einen OESD oder Flushdraw halten, können wir uns entscheiden, diesen aggressiv zu spielen. Das eröffnet uns die Möglichkeit, die Hand bereits zu gewinnen, bevor die nächste Karte gegeben wird. Als Alternative gewinnen wir die Hand vermutlich, wenn sich unser Draw realisiert.
Besonders in Heads-Up-Pots kann man Semi-Bluffs häufig anwenden, da nur ein Gegner zur Aufgabe seiner Hand bewegt werden muss. Und die Erfolgswahrscheinlichkeit steigt natürlich zusätzlich, wenn wir bei unserem Gegner eine lediglich schwache Hand vermuten.
Neben dem Umstand, Pots eventuell ohne Showdown gewinnen zu können, bietet der Semi-Bluff einen weiteren Vorteil: Wir werden für unsere Gegner schwerer lesbar. Wenn wir nur mit starken Händen raisen, können aufmerksame Gegner dieses Muster recht schnell erkennen und sich auf unser Spiel einstellen. Das wollen wir aber vermeiden und Moves wie ein Semi-Bluff helfen dabei.
Generell sollten Semi-Bluffs gegen Spieler, die (zu) häufig zum Showdown gehen, seltener eingesetzt werden als gegen tighte Spieler, die (zu) viel folden.
Je nach unserer Position gibt es verschiedene Möglichkeiten zum Semi-Bluffen (Flop und Turn). In Position können wir
* den Flop setzen bzw. erhöhen und den Turn setzen, nachdem der Gegner zu uns gecheckt hat,
* einen Flopbet callen und den Turn dann raisen.
Außer Position haben wir drei Möglichkeiten:
* Den Flop setzen bzw. reraisen und Turn setzen.
* Einen Flopbet callen und den Turn checkraisen.
* Einen Flopbet callen und den Turn setzen.
Diese verschiedenen Linien sollten variiert werden, jedoch ist es von Vorteil, wenn die Betting-Lines, bei denen viel Action auf dem Flop stattfindet, mit starken Draws (also vielen Outs wie z. B. einem Flushdraw plus Overcards) gespielt werden. In solchen Situationen kann es sogar vorkommen, dass wir gar keinen echten Semi-Bluff mehr spielen, da wir manchmal sogar Favorit gegen die Hand des Gegners sind. Auch wenn das Setzverhalten gleich ist, würde es sich dann formal um einen Valuebet handeln.
Natürlich können wir auch auf dem Flop semi-bluffen. Ein Beispiel dafür wäre das Freecardplay aus dem Draw-Artikel (siehe auch FLTH Advanced: Draws). Weil die Gegner in der Regel auf dem Flop aber oft für einen Small Bet callen, sollte die Fold Equity eines Raises am Flop nicht überschätzt werden. Andererseits kostet uns ein Semi-Bluff auf dem Flop auch einen Small Bet weniger als auf dem Turn und muss entsprechend seltener erfolgreich sein, um einen Profit zu zeigen.
* Beispiel:
Gehen wir von folgender Situation auf dem Flop aus: Ein Gegner in mittlerer Position callt, der Small Blind callt und wir checken mit einer Hand wie [Five of hearts] [Four of hearts] im Big Blind. Der Flop bringt [Ace of hearts] [Four of spades] [Nine of diamonds] und wir treffen ein Paar und einen Backdoor-Flushdraw. Es ist durchaus möglich, dass wir hier die beste Hand halten. Keiner der Gegner hat vor dem Flop erhöht und somit ist es unwahrscheinlich, dass einer der beiden ein As hält. Der Pot ist klein und somit besteht die Chance, dass die Gegner eine bessere Hand, in diesem Fall [Nine] [Card] oder [Five] [Five] bis [Eight] [Eight] , folden, sollten wir ansetzen. Wenn wir dennoch gecallt werden, ist es recht wahrscheinlich, dass wir momentan geschlagen sind, haben aber bis zu fünf Outs.
* Noch ein Beispiel:
Wir versuchen die Blinds mit [King of hearts] [Ten of hearts] vom Button aus zu stehlen, beide Blinds callen allerdings. Der Flop kommt [Ace of hearts] [Ten of clubs] [Two of diamonds] und der Smallblind setzt an. Der Bigblind foldet und wir entscheiden uns zu callen (angemerkt sei, dass man hier auch Argumente finden kann, die für einen Raise oder einen Fold auf dem Flop sprechen).
Der Turn ist die [Three of hearts] und wir haben nun zusätzlich zu unserem Paar Zehnen noch den Nutflushdraw. Der Smallblind setzt und wir sind uns sicher, dass er eine Hand hält, die unser Paar Zehnen schlägt.
Ein wenig Mathe…
… zum vorangehenden Beispiel. Es sind momentan fünf Big Bets im Pot (6 x Small Bets preflop (da geraist) + 2 x Small Bets auf dem Flop + 1 x Big Bet auf dem Turn = 10 Small Bets = 5 Big Bets), mit unseren neun klaren und bis zu fünf zusätzlichen Outs für die Paare können wir hier profitabel callen. Wenn wir mit elf Outs rechnen und weiter davon ausgehen, dass der Gegner auf dem River mit seiner vermuteten mittelstarken Hand Check/Call spielen wird, ergibt sich:
* EV(Call) = 0,23 x (6 + 1) – 0,77 x 1 = 0,84 Big Bets
0,23 (= 23 %) ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir eines unserer Outs treffen ((11 Outs x 2) + 1). Dann gehen wir davon aus, dass wir den bisherigen Pot (zu dem wir dann unseren Call hinzuzählen müssen) gewinnen, und zusätzlich einen weiteren Big Bet des Gegners (Implied Odds). In den anderen Fällen (Gegenereignis = 1 – 0,23 = 0,77 = 77 %) verlieren wir einen Big Bet (den Call am Turn).
Wir gewinnen mit diesem Turncall und einem Riverbet, sollten wir unseren Draw treffen, also im Schnitt 0,84 Big Bets. Manchmal wird unser Gegner auch Bet/Call oder Bet/Fold spielen, wenn wir treffen. Das liegt an unserer besseren Position. Dafür folden wir aber auch hin und wieder die beste Hand mit unserem Paar Zehnen gegen einen Riverbet, sollte unser Draw nicht kommen und unsere Einschätzung falsch sein, der Gegner könne unser Paar schlagen. Gehen wir also davon aus, dass durchschnittlich je ein Bet von uns und dem Gegner in den Pot gehen wird, sollten wir auf der sicheren Seite sein.
Wollen wir nun berechnen, wie hoch der Erwartungswert eines Raise ist, müssen wir zunächst wieder einige Annahmen treffen:
* Wenn der Small Blind unseren Turnraise callt, ist seine Hand stark genug, um auch einen Riverbet zu callen.
* Wenn wir keines unserer Outs treffen, verlieren wir.
* Wenn wir aber treffen, gewinnen wir einen weiteren Einsatz auf dem River.
Damit ergibt sich folgende Rechnung:
* EV(Raise) = 0,23 x (8 + 1) – 0,77 x 2 = 0,53 Big Bets
Hier haben wir also auf dem Turn bereits acht Big Bets im Pot (4 Big Bets vor dem Turn + 1 Turnbet des Gegners + 2 Big Bets von uns (Raise) + 1 Big-Bet-Call des Gegners). Unsere Implied Odds, sollten wir unseren Draw bekommen, sind wieder ein Big Bet (Check/Call des Gegners). Unser Risiko ist allerdings etwas höher, nämlich zwei Big Bets durch unseren Raise.
In der Rechnung gehen wir aber davon aus, dass der Small Blind immer callt. Sollte das der Fall sein, sinkt unser Erwartungswert durch den Semi-Bluff um 0,31 Big Bets. Das ist auch verständlich, denn die Bluff-Komponente des Semi-Bluffs wäre dann wertlos und hätte keinen (positiven) Einfluss auf den EV. Unser Raise kann also nur besser sein als ein reiner Call am Turn, wenn der Gegner hin und wieder eine Hand weglegt, die uns schlagen könnte, sollte unser Draw nicht eintreffen.
Wie können wir berechnen, wie oft der Gegner bessere Hände (als ein Paar Zehnen) folden muss, damit der Semibluff genauso profitabel ist wie ein Call? Dazu nehmen wir den EV(Call) und setzen diesen gleich mit dem EV(Semi-Bluff), wobei dieser sich berechent aus dem EV(Call), ergänzt um eine Fold-Komponente. Im Fall eines Folds würden wir fünf Big Bets (Pot nach dem Flop + Turnbet des Gegners) gewinnen, und das in der Häufigkeit, in der der Small Blind aufgibt.
Damit ergibt sich:
* EV(Semi-Bluff) = EV(Raise) + X x 5 = 0,53 + X x 5
Wenn EV(Call) < EV(Semi-Bluff), dann ist ein Semi-Bluff profitabel.
* EV(Call) < EV(Semi-Bluff)
0,84 < 0,53 + X x 5
0,31 < X x 5
0,31/5 < X
0,062 < X
Unser Gegner muss also lediglich häufiger als in 6,2 % der Fälle gegen unseren Turnraise folden, damit dieser profitabler ist als ein einfacher Turncall.
Es ist natürlich möglich, dass der Gegner eine sehr starke Hand hält und unseren Turnraise nochmal erhöht. In diesem Fall machen wir unseren Draw unnötig teuer, denn wir zahlen auf dem Turn drei anstatt einen Big Bet und haben gleichzeitig keine Fold Equity, da der Gegner eine solche Hand nie aufgeben würde.
Semi-Bluffs sollten also hauptsächlich dann eingesetzt werden, wenn man eine Chance sieht, dass der Gegner eine bessere Hand foldet und vermutet, dass die Hand des Gegners nicht zu stark ist. Gegner, die häufig zum Showdown gehen, sind also keine geeigneten Ziele, genauso wenig wie sehr aggressive Gegner, die uns mit vielen Händen auf dem Turn reraisen.